Unabhängiger Journalismus in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
K-Punkt-Rottenburg
Youtube-Videos zum Thema Missbrauch und Aufarbeitung
zu bestellen über:
#COM+Musik+Verlag Ammerbuch
Postfach 17
72117 Ammerbuch
und über mail:
com-musikverlag@web.de
Preis: 14,80 €
Die vier baden-württembergischen Bischöf:innen - Bild: Gottfried Stoppel
Montag, 4. März 2024 Der Umgang mit den Betroffenen (4) Das Erzbistum Freiburg April 2023: Vorstellung des Berichts Im April 2023 wurde in Freiburg der langerwartete Bericht der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit dabei war auch Raphael Hildebrandt, ein Betroffener. Wobei „mit dabei“ stimmt und dann doch nicht. Er wurde in einen Nebenraum verbannt, von dem aus er der Vorstellung des Berichts folgen durfte. Zum Raum, in dem die Pressekonferenz stattfand, hatte er keinen Zutritt. „Warum?“, fragt man sich. Konnten es die Kommissionsmitglieder und Erzbischof Burger nicht ertragen, dass ihnen ein Mann gegenübersitzt, dem ein Täter aus den Reihen des Klerus irreparable Schäden für das ganze weitere Leben zugefügt hatte? Raphael Hildebrandt störte der Tonfall, den Burger angeschlagen hatten: „Es hört sich für mich an wie eine Sonntagspredigt.“ Und er bezweifelte, ob die Erzdiözese es wirklich ernst meine mit der Aufklärung der Verbrechen an Kindern und Jugendlichen. Oktober 2023: erstes Fazit Die Pädagogin Julia Sander, ebenfalls eine Betroffene, sah sich im Oktober 2023, also ein halbes Jahr nach Veröffentlichung des Gutachtens, allein gelassen. Sie hatte sich erhofft, dass die Kirche die Glaubwürdigkeit der Betroffenen stärkt, indem sie beispielsweise in den Personalakten der Täter auf Lücken oder auf Passi wie „Versetzung aus gesundheitlichen Gründen“ sucht. Auch wenn sich kein konkreter Hinweis auf Missbrauch in der Personalakte findet, wären solche Einträge für die Betroffenen ein wichtiger Baustein, die Beschuldigungen gegen einen Priester zu plausibilisieren. Dies hilft, z. B. einem Antrag auf eine staatliche Opferentschädigung mehr Gewicht zu verleihen. Februar 2024: wie geht es weiter? Und jetzt, nach fast einem Jahr seit Veröffentlichung des Gutachtens? Läuft jetzt endlich alles so, wie es sich die Betroffenen vorstellen? „Es gibt nach wie vor Probleme bei der Transparenz von Entscheidungen!“ so eine andere Betroffene. Dies denkt sich vermutlich auch der Sprecher des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Johannes Norpoth. Er schlug vor wenigen Tagen die Gründung einer Stiftung für Aufarbeitung, Schadensersatz und Prävention vor. Sie solle unabhängig sein, "außerhalb kirchlicher Verwaltungen und bischöflicher Machtbereiche". Die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA), die über den Zuspruch und Höhe von Anerkennungsleistungen entscheidet, ist laut Norpoth nicht wirklich unabhängig. Sie sei von den Bischöfen berufen, arbeite auf Basis einer von der Bischofskonferenz verabschiedeten Ordnung und mit Unterstützung von Mitarbeitern der Konferenz. Letztendlich könne der zuständige Bischof sogar ein Veto einlegen, wie es der Augsburger Bischof Bertram Meier Ende des Jahres zunächst getan hatte, so wird Norpoth auf katholisch.de zitiert. Das hört sich nicht so an, als wären seit Veröffentlichung der Missbrauchsberichte und -gutachten wirklich entscheidende Verbesserungen eingetreten. Sieht das Raphael Hildebrandt für die Erzdiözese Freiburg auch so? Er sagt: „Alles läuft sehr schleppend, und wenn man ohne Hilfe und Beratung einen Antrag an die UKA stellt, dann ist man verloren. Von Transparenz ist eh wenig zu spüren. Man weiß nicht, wie lange die Bearbeitungszeit ist, wieviel Anträge gestellt sind, man muss immer nachhaken. Vermutlich ist die UKA komplett unterbesetzt.“ Und er stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass schließlich ein Bischof doch noch ein Veto einlegen kann, obwohl doch immer auf die Unabhängigkeit der UKA hinwiesen wird. „Ich verstehe auch nicht, warum die UKA so intransparent agiert. Es sind doch Psycholog:innen mit dabei, die müssten doch wissen, wie retraumatisierend dieser Umgang mit den Betroffenen wirken kann.“ Er verweist auf knapp 30 Jahre, die seit seinem Anzeigen des Missbrauchs vergangen sind und hegt den Verdacht, dass das lange Zögern einer rein wirtschaftlichen Überlegung folgt: „Je länger der Prozess dauert, desto mehr Betroffene müssen nicht mehr entschädigt werden, weil sie entweder entnervt aufgeben oder verstorben sind.“ Und dass dieser Verdacht sehr wohl begründet ist, zeigt der Tod eines Mitbetroffenen aus seiner Kirchengemeinde im vergangenen Jahr. Festzuhalten bleibt: Die Täterorganisation Katholische Kirche bestimmt noch immer mit, wenn es um Aufarbeitung und Entschädigung geht, auch im Erzbistum Freiburg. Und sie bestimmt auch den Takt, wie mit den Betroffenen und ihren Entschädigungsansprüchen umgegangen wird. Die Verschränkung mit der Politik - der Bundespräsident als Schirmherr Norpoth bringt den Bundespräsidenten als möglichen Schirmherrn der Stiftung ins Spiel. Ob er (oder sie) langfristig die Unabhängigkeit der Stiftung wirklich garantieren kann und ob dann die Anträge schneller bearbeitet werden? Zweifel sind angebracht.
Unabhängiger Journalismus in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
K-Punkt
Rottenburg
„Kein begründeter Verdacht wird vertuscht, und jeder Täter wurde und wird zur Rechenschaft gezogen, bestraft, aus der Pastoral herausgenommen und vom Dienst suspendiert.“, sagte Bischof Fürst 2018.
Redaktion
zu bestellen über:
#COM+Musik+Verlag Ammerbuch
Postfach 17
72117 Ammerbuch
und über mail:
com-musikverlag@web.de
Preis: 14,80 €
Die vier baden-württembergischen Bischöf:innen - Bild: Gottfried Stoppel
Montag, 4. März 2024 Der Umgang mit den Betroffenen (4) Das Erzbistum Freiburg April 2023: Vorstellung des Berichts Im April 2023 wurde in Freiburg der langerwartete Bericht der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit dabei war auch Raphael Hildebrandt, ein Betroffener. Wobei „mit dabei“ stimmt und dann doch nicht. Er wurde in einen Nebenraum verbannt, von dem aus er der Vorstellung des Berichts folgen durfte. Zum Raum, in dem die Pressekonferenz stattfand, hatte er keinen Zutritt. „Warum?“, fragt man sich. Konnten es die Kommissions- mitglieder und Erzbischof Burger nicht ertragen, dass ihnen ein Mann gegenübersitzt, dem ein Täter aus den Reihen des Klerus irreparable Schäden für das ganze weitere Leben zugefügt hatte? Raphael Hildebrandt störte der Tonfall, den Burger angeschlagen hatten: „Es hört sich für mich an wie eine Sonntagspredigt.“ Und er bezweifelte, ob die Erzdiözese es wirklich ernst meine mit der Aufklärung der Verbrechen an Kindern und Jugendlichen. Oktober 2023: erstes Fazit Die Pädagogin Julia Sander, ebenfalls eine Betroffene, sah sich im Oktober 2023, also ein halbes Jahr nach Veröffentlichung des Gutachtens, allein gelassen. Sie hatte sich erhofft, dass die Kirche die Glaubwürdigkeit der Betroffenen stärkt, indem sie beispielsweise in den Personalakten der Täter auf Lücken oder auf Passi wie „Versetzung aus gesundheitlichen Gründen“ sucht. Auch wenn sich kein konkreter Hinweis auf Missbrauch in der Personalakte findet, wären solche Einträge für die Betroffenen ein wichtiger Baustein, die Beschuldigungen gegen einen Priester zu plausibilisieren. Dies hilft, z. B. einem Antrag auf eine staatliche Opferentschädigung mehr Gewicht zu verleihen. Februar 2024: wie geht es weiter? Und jetzt, nach fast einem Jahr seit Veröffentlichung des Gutachtens? Läuft jetzt endlich alles so, wie es sich die Betroffenen vorstellen? „Es gibt nach wie vor Probleme bei der Transparenz von Entscheidungen!“ so eine andere Betroffene. Dies denkt sich vermutlich auch der Sprecher des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Johannes Norpoth. Er schlug vor wenigen Tagen die Gründung einer Stiftung für Aufarbeitung, Schadensersatz und Prävention vor. Sie solle unabhängig sein, "außerhalb kirchlicher Verwaltungen und bischöflicher Machtbereiche". Die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA), die über den Zuspruch und Höhe von Anerkennungsleistungen entscheidet, ist laut Norpoth nicht wirklich unabhängig. Sie sei von den Bischöfen berufen, arbeite auf Basis einer von der Bischofskonferenz verabschiedeten Ordnung und mit Unterstützung von Mitarbeitern der Konferenz. Letztendlich könne der zuständige Bischof sogar ein Veto einlegen, wie es der Augsburger Bischof Bertram Meier Ende des Jahres zunächst getan hatte, so wird Norpoth auf katholisch.de zitiert. Das hört sich nicht so an, als wären seit Veröffentlichung der Missbrauchsberichte und -gutachten wirklich entscheidende Verbesserungen eingetreten. Sieht das Raphael Hildebrandt für die Erzdiözese Freiburg auch so? Er sagt: „Alles läuft sehr schleppend, und wenn man ohne Hilfe und Beratung einen Antrag an die UKA stellt, dann ist man verloren. Von Transparenz ist eh wenig zu spüren. Man weiß nicht, wie lange die Bearbeitungszeit ist, wieviel Anträge gestellt sind, man muss immer nachhaken. Vermutlich ist die UKA komplett unterbesetzt.“ Und er stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass schließlich ein Bischof doch noch ein Veto einlegen kann, obwohl doch immer auf die Unabhängigkeit der UKA hinwiesen wird. „Ich verstehe auch nicht, warum die UKA so intransparent agiert. Es sind doch Psycholog:innen mit dabei, die müssten doch wissen, wie retraumatisierend dieser Umgang mit den Betroffenen wirken kann.“ Er verweist auf knapp 30 Jahre, die seit seinem Anzeigen des Missbrauchs vergangen sind und hegt den Verdacht, dass das lange Zögern einer rein wirtschaftlichen Überlegung folgt: „Je länger der Prozess dauert, desto mehr Betroffene müssen nicht mehr entschädigt werden, weil sie entweder entnervt aufgeben oder verstorben sind.“ Und dass dieser Verdacht sehr wohl begründet ist, zeigt der Tod eines Mitbetroffenen aus seiner Kirchengemeinde im vergangenen Jahr. Festzuhalten bleibt: Die Täterorganisation Katholische Kirche bestimmt noch immer mit, wenn es um Aufarbeitung und Entschädigung geht, auch im Erzbistum Freiburg. Und sie bestimmt auch den Takt, wie mit den Betroffenen und ihren Entschädigungs- ansprüchen umgegangen wird. Die Verschränkung mit der Politik - der Bundespräsident als Schirmherr Norpoth bringt den Bundespräsidenten als möglichen Schirmherrn der Stiftung ins Spiel. Ob er (oder sie) langfristig die Unabhängigkeit der Stiftung wirklich garantieren kann und ob dann die Anträge schneller bearbeitet werden? Zweifel sind angebracht.